“Niemals ziehe ich aufs Land!”

Foto: Petra Gell

Autorin: Petra Gell

Die Geschichte einer Userin über ihre Entscheidung, aufs Land zu ziehen oder in der Stadt zu bleiben.

Die Anfänge

Zwei Jahre lang kamen die Liebenden R. und P. an heißen Tagen ins Strombad Kritzendorf: er, studierter Philosoph, der sich schon während des Studiums der IT-Branche widmete, und sie, die lange vor und nach ihrem Studium glaubte, mit Kunst kann man nur Geld verdienen, wenn man sie vermittelt.

Sie kannten den Sommerfrischeort an der Donau, der besonders in den Zwanziger- und Dreißigerjahren einen gesellschaftlichen Höhepunkt erreichte, bereits vor ihren gemeinsamen Besuchen. Doch mit jedem Spaziergang, der nach erfrischender Abkühlung, von der Oberau bis weit in die Unterau führte, inspizierten sie Haus für Haus und überlegten sich, welches ihnen wohl heute für ihr Abendessen auf der Terrasse gefiele. Dabei wurde es immer klarer – sie hatten einen Sehnsuchtsort.

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Die Suche nach dem perfekten Grundstück

Da die kleinen Grundstücke meist nur durch eine luftige Heckenbepflanzung abgegrenzt werden, war es ein leichtes Spiel, mit den Bewohnern in Kontakt zu treten und ihren Wunsch auszusprechen, zu deponieren beziehungsweise erst einmal herauszufinden, ob es denn überhaupt möglich sei, sich hier an diesem wunderbaren Ort ein Haus anzuschauen.

Anscheinend begann zu dieser Zeit ein Generationswechsel. In Gesprächen mit meist älteren Menschen erfuhren sie von einigen Häusern, deren Bewohner einen Verkauf überlegten.

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Die ersten drei Häuser wurden ihnen vor ihrer Nase weggeschnappt. Dann kam Frau A., die sich sofort für die beiden zuständig fühlte und meinte, dass ihre Nachbarin, Frau D., mit dem Gedanken spiele, ihr Haus zu verkaufen. “Das Haus” am Dreiföhrenweg mit dem unglaublich schönen großen Garten nach hinten Richtung Süden gelegen, das sollte tatsächlich verkauft werden? Also kam es zu einem Treffen mit der Besitzerin, die allerdings gleich zu Beginn meinte, dass sie das Haus bereits einem Architekten versprochen habe. Doch der Charme des jungen Paares mit ihrem Töchterchen und der Bearded-Collie-Dame war wohl überzeugender. Nach ein paar Tagen des Bangens kam der Anruf von Frau D., sie habe sich für die junge Familie entschieden.

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Das Ferienhaus

Alte Möbel raus, Tapete runter, Farbe rauf, und fertig war das Ferienidyll. Jede freie Minute wurde die geräumige Altbauwohnung im Bobozentrum gegen die Ministrandhütte eingetauscht. Das freie, wilde Leben in der Au beflügelte ungemein!

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Nach drei Jahren ständigen Hin und Hers zwischen Urbanem und der Natur schlich sich die Idee ein: Könnte man denn nicht den Alltag ins Grüne verlegen und die Stadt dann genießen? Aber sollte der Schritt, aufs Land zu ziehen, tatsächlich gewagt werden, wo sich doch P. für immer und ewig geschworen hat, niemals die Stadt zu verlassen, und war es denn tatsächlich der richtige Ort? Was, wenn das Anwesen bei St. Christophen nicht doch der idealere Ort, die hügelige Landschaft bei Maria Anzbach doch viel malerischer sei? Außerdem gab es noch das Nachbargrundstück einer Freundin bei Neulengbach. Ausgerechnet ein Hochwassergebiet mit einer Gelsenplage von Juni bis September sollte der bestimmte Ort sein?

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Viele Abende wurde diskutiert, Vor- und Nachteile besprochen, Freunde, Eltern, “Zuagroaste”, Strombadbewohner befragt. “Wie ist das Landleben so für euch?” Wie lebt es sich da?” “Womit heizt ihr?” “Gibt es gute Schulen?” “Vermisst ihr die Stadt?” “Wo geht ihr einkaufen?” Fragen über Fragen!

Die Entscheidung

Und doch, nach jeder Besichtigungstour waren sie sich ein Stück weiter sicher, Kritzendorf muss es sein.

Die Fragen wurden nicht weniger: Wie lautet die aktuelle Bauordnung, wie will man überhaupt umbauen – mit einem Architekten, reicht ein Baumeister? Die Zeit der vielen Skizzen begann! Nachdem die Hausherrin Zeit ihres Lebens Architektur fotografiert, viele Architekturmagazine durchforstet, Häuser porträtiert und ihr künstlerisches Arbeiten sich außer mit ihrer Künstlerinnengruppe unentwegt um Architekturmalerei gedreht hatte, waren die Ideen einigermaßen konkret. Diesmal war es also kein Kunstprojekt! Ein besonderes Anliegen waren die Fenster, die Größe und die Positionierung.

Diese konnten gerade noch rechtzeitig vor dem großen Hochwasser im Sommer 2013 eingebaut werden, wodurch der Umzug aufgrund der enormen Schlammmassen allerdings nur bedingt einfacher wurde. Dank des großen Engagements des Baumeisters wurde immerhin ihr Hab und Gut vom Sommerhäuschen zeitweilig für alle Fälle auf ein Floß gepackt. Der Gartenanblick wurde dadurch zwar nicht verschönert, aber gerade für solche Überraschungen ist das Floß ein nicht unwichtiges Objekt. Heute dient dieses temporäre Bauwerk als Anlegestelle der Wasserskischule.

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Das Fazit

Nachdem also das Häuschen und seine Bewohner gleich einmal vor eine harte Probe gestellt worden waren, mussten noch einige bauliche Veränderungen durchgeführt werden, die ersten Nächte wurden ohne Eingangstür verbracht, Wäsche gewaschen wurde bei den Sanitäranlagen der Kabinen des Strombads, ebenso wurde dort kalt geduscht.

Nach sechs Jahren ist nun dieses Bild fast gänzlich verblasst, was geblieben ist, ist die Verbundenheit mit diesem Ort und das gute Gefühl, sich richtig entschieden zu haben! (Petra Gell, 14.1.2019)


Petra Gell ist bildende Künstlerin, studierte bei Gunter Damisch und Markus Prachensky an der Akademie der bildenden Künste in Wien, macht installative Raumkonzepte, Wandzeichnungen, Architekturmalereien, Haus- und Wohnporträts. Aktuell stellt sie in der Galerie Loft 8, Eröffnung Donnerstag, 17.1., 19 Uhr, aus.

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